Die Tillenstadt

Vor vielen, vielen Jahren, als noch keine Grenze den Böhmerwald durchschnitt, erhob sich auf dem Tillen-Berg bei Neualbenreuth eine prächtige Stadt. Ihre schmucken Häuser und vornehmen Paläste waren herrlich anzuschauen und der Kirchturm erglänzte in purem Gold.

In dieser Stadt herrschte ausgelassenes Leben und Treiben und für üppige Festgelage hatten die Bewohner viel übrig. Am schlimmsten trieben es die Gold- und Waffenschmiede und die Bergwerksbesitzer, die durch die unermeßlichen Bodenschätze des Tillen-Berges zu großem Reichtum gekommen waren. Sie verpraßten und verjubelten ihr Vermögen und gaben sich lasterhaften Vergnügungen hin. Zu guter Letzt verleitete der Überfluss die Tillenstädter zur Übertretung menschlicher und göttlicher Gebote.

Es lebte am Rande der Stadt aber auch eine Menge armer Leute, die in den Gruben und Bergwerken schufteten und ausgebeutet wurden. Der geringe Lohn, den man ihnen auszahlte, reichte nicht aus um die vielen hungrigen Mäuler zu stopfen, die in armseligen Hütten ihr Dasein fristeten. Allein die Abfälle von den Tischen der Wohlhabenden hätten genügt, um die Armen satt zu machen. So herrschte unter ihnen eine schreckliche Not.

Zu jener Zeit begab es sich, daß ein Ruhrknecht mit einer Wagenladung Getreide den steilen Tillen-Berg hinauffuhr. Der Regen hatte das Seinige getan um den Weg in einen Morast zu verwandeln und so stolperten und schnaubten die Pferde mit dem schwer beladenen Gefährt mühsam aufwärts. Während der Fuhrmann laut schimpfend seine Rösser antrieb, löste sich zu allem Unglück der Splint und samt der Kipfstütz rutschte ein hinteres Wagenrad von der Achse und fiel zur Erde. Da schwoll ihm die Zornesader auf der Stirn und in seinem Ärger fing er an die Pillenstadt zu verfluchen und zu verwünschen, die er als Sitz des Lasters und jeder Ungerechtigkeit bezeichnete. O Schrecken, kaum waren die häßlichen Worte verklungen, als sich der Himmel verfinsterte und ein gewaltiger Sturm losbrach. Ein schreckliches Gewitter zog auf und hüllte den Tillen-Berg in Nacht und Nebel, während mächtige Blitze und gewaltige Donnerschläge die Luft erzittern ließen.

Als die Macht des Unwetters gebrochen war, gab es keine Tillenstadt mehr: der Berg hatte sie mit Mann und Maus verschlungen.

An dem Ort, wo sie gestanden, wachsen grüne Fichten und dunkle Tannen in Eintracht nebeneinander und der Wind raunt in ihren Wipfeln. Unter dem Tillenspitzfelsen aber träumt der goldene Kirchturm der versunkenen Stadt seiner Auferstehung entgegen.

Wenn einst der Felsen verwittert und zerbröckelt und kein Stein mehr auf dem anderen liegt, wird ein Auerhahn nicht eher ruhen, bis er die Kirchturmspitze mit seinen scharfen Krallen freigescharrt hat. In diesem Augenblick erhebt sich die Tillenstadt wieder und erblüht in neuer Schönheit.

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