Nur ein Traum

Nur ein Traum

Verschneite Wälder rund um den Ringelfelsen (Rinnlstein) – früher war natürlich alles besser – auch das Wetter an den Feiertagen. Forscher zeigen, dass die Erinnerung trügt. Demnach ist Schmuddelwetter an Weihnachten bereits seit Jahrhunderten typisch.
Statistiken sind frei von Emotionen, sie stellen mit nackten Zahlen vor, was manche Menschen nicht wahrhaben wollen. So ist es auch mit den Wetterstatistiken der vergangenen Jahrhunderte. Sie zerstören das Idealbild einer weißen Weihnacht.

Rieselnde Flocken, tanzendes Schneegestöber, Eiszapfen, die die Dächer verzieren, Tannen, die unter ihrer dicken weißen Last ächzen – in vielen Regionen Deutschlands gibt es höchstens alle fünf bis zehn Jahre mal weiße Weihnachten. Nur auf der Zugspitze gibt es immer weiße Weihnachten.
Auf Helgoland können die Menschen das im Mittel nur alle 50 Jahre erwarten. Im Osten und Süden ist die Wahrscheinlichkeit höher als im Westen und Norden, in den Bergen höher als im Flachland, mit jedem Höhenmeter steigt die Chance. Ein wichtiger Einflussfaktor ist auch die Entfernung zum Atlantik und zur Nordsee. Je weiter weg, desto mehr sind die von dort kommenden wärmeren Luftmassen schon abgekühlt.
Um den 24. Dezember herum gebe es etwas häufiger milde Temperaturen, die Schnee wegtauen oder gar nicht erst liegen bleiben lassen. Warum das ausgerechnet an Weihnachten passiert? Man weiß es nicht. Anders als etwa bei der Schafskälte ist beim Weihnachtstauwetter völlig unklar, auf welche Mechanismen es zurückgeht.

Wenn weiße Weihnachten so selten sind, warum ist die Vorstellung davon so stark in unseren Köpfen verankert? Fest steht: Ganz früher war tatsächlich mehr Schnee. Im Zuge der Kleinen Eiszeit dürften weiße Weihnachten im 17. und 18. Jahrhundert weitaus häufiger gewesen sein. Davon zeugten unter anderem Gemälde jener Zeit.
Eine Erklärung für die heutige Verklärung sei das aber kaum, dafür reiche das gesellschaftliche Gedächtnis nicht weit genug. Und wenn Oma und Opa von den weißen Wintern ihrer Kindheit schwärmen, werden sie von einer verzerrten Erinnerung genarrt. In den letzten 200 Jahren sind die Winter immer ungefähr so gewesen wie jetzt.
Die womöglich erste Weihnachtskarte, gedruckt 1843 in London, zeigt keinen Schnee, sondern ein zeitloses Motiv mit eher herbstlichen Motiven wie Weintrauben. Auf einer anderen Karte von 1845 klettert der Weihnachtsmann über schneefreie Dächer. Einige Jahre später hingegen gehören große Mengen Schnee dazu – auf Karten ebenso wie in Büchern, wie Rebetez schrieb.

Die Simulationen für den Klimawandel lassen aber klar einen Trend zu milderen Wintern erwarten. In 50 bis 100 Jahren könnte vielleicht ein von stiller weißer Pracht noch weiter entferntes Feiertagswetter typisch sein, stürmische Weihnachten zum Beispiel.

(aus „Warum weiße Weihnachten nur ein Traum sind“ von Annett Stein, welt.de, 12/2017)

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